{"id":1581,"date":"2012-07-03T00:00:14","date_gmt":"2012-07-03T05:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/chriscutrone.platypus1917.org\/?p=1581"},"modified":"2021-11-18T13:58:23","modified_gmt":"2021-11-18T18:58:23","slug":"adorno-lenin-und-das-schnabeltier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chriscutrone.platypus1917.org\/?p=1581","title":{"rendered":"Adorno, Lenin und das Schnabeltier"},"content":{"rendered":"<h2>VOM LETZTEN VERTRETER DES ALTEN ALS WEGBEREITER DES NEUEN UND EINEM BEHARRLICHEN IRRL\u00c4UFER DER KULTURELLEN EVOLUTION<\/h2>\n<h2>Derzeit gibt es eine Reihe von Ans\u00e4tzen, die Tradition der Kritischen Theorie wieder politisch aufzunehmen. \u00dcber den \u201eNegativen Nachmittag\u201c und andere Versuche.<\/h2>\n<h2>Gott und die Welt<\/h2>\n<h2>Kolumne von Micha Brumlik<\/h2>\n<blockquote><p><em>(Originally published in<\/em> <strong><a href=\"http:\/\/taz.de\/Kolumne-Gott-und-die-Welt\/!96574\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">taz.die tageszeitung<\/a><\/strong> <a href=\"http:\/\/chriscutrone.platypus1917.org\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/brumlikmicha_adornoleninunddasschnabeltiercutrone_taz070312.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">[PDF]<\/a><em>, July 3, 2012.)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Nur zu gut nachvollziehbar ist es, dass Menschen in Zeiten un\u00fcberschaubarer, einander \u00fcberlagernder und durchdringender sozialer, politischer und \u00f6konomischer Krisen eine Orientierung im Denken, einen archimedischen Punkt suchen, von dem aus das Geschehen verst\u00e4ndlich und sogar ver\u00e4nderbar wird.<\/p>\n<p>In einer Tradition des 19. Jahrhunderts hat man sich daran gew\u00f6hnt, derartige Denkanstrengungen als \u201eradikal\u201c zu bezeichnen, weil sie das Ganze eben von der einen, der einzigen Wurzel erfassen wollen.<br \/>\nAnzeige<\/p>\n<p>Bisweilen verbirgt sich freilich hinter dem Wunsch, \u201eradikal\u201c zu denken, schlicht die Sehnsucht nach einer unbedingten, vorbehaltlosen, am besten v\u00f6llig negierenden Haltung dem Ganzen gegen\u00fcber. Davon zeugt etwa das \u201eUnsichtbare Komitee\u201c mit seinem kulturreaktion\u00e4ren Ekel vor der Massengesellschaft und dem revoluzzernden Schwadronieren vom \u201eKommenden Aufstand\u201c.<\/p>\n<h2>Wunsch, radikal zu denken<\/h2>\n<p>Schwerer zu beurteilen sind neuere Versuche, die Tradition der Kritischen Theorie politisch aufzunehmen. So bietet etwa die Hamburger Studienbibliothek im Rahmen eines \u201eNegativen Nachmittags\u201c ein Programm an, innerhalb dessen Adornos Verh\u00e4ltnis zu Lenin er\u00f6rtert werden soll. Wem dies absurd erscheint, der muss zur Kenntnis nehmen, dass sich Adorno gelegentlich positiv zu Lenin ge\u00e4u\u00dfert hat.<\/p>\n<p>In einem Brief an Horkheimer aus dem M\u00e4rz 1936 etwa moniert er an Erich Fromm, dass es sich dieser mit dem Begriff der \u201eAutorit\u00e4t\u201c zu leicht mache: mit einem Begriff \u201eohne den ja schlie\u00dflich weder Lenins Avantgarde noch die Diktatur\u201c zu denken sei. Mehr noch: In aphoristischen Notizen aus dem Februar 1935 meint Adorno, dass man \u2013 anstatt Arbeiter der Verteilung von Flugzetteln zu opfern \u2013 \u201elieber Lenins Verhalten zu Kerenskis Revolution studieren\u201c m\u00f6ge: \u201eseine F\u00e4higkeit\u201c, so Adorno zustimmend, \u201eden gesellschaftlichen Hebelpunkt zu entdecken und zu nutzen: mit minimaler Kraft die unermessliche Last des Staates zu heben\u201c.<\/p>\n<h2>Nachsicht angebracht?<\/h2>\n<p>Ein Fall f\u00fcr Nachsicht? Adorno war damals, 1935, zweiunddrei\u00dfig Jahre alt, besuchte Eltern und Tante in Frankfurt, um dann im Schwarzwald Urlaub zu machen. Ein Aufsatz zum Jazz aus dem Jahr 1933, in dem vom musikalischen Einfluss der \u201eNegerrasse\u201c die Rede war, ging einer 1934 in der Zeitschrift Die Musik ver\u00f6ffentlichen Rezension vorher, in der Adorno eine Vertonung von Gedichten des Reichsjugendf\u00fchrers von Schirach lobte, die \u2013 in seinen Worten \u2013 dem von Joseph Goebbels proklamierten \u201eromantischen Realismus\u201c entspreche.<\/p>\n<p>Was all das \u00fcber den systematischen Gehalt seines Werks sagt? Nichts! Ebenso wenig wie die mit gutem Grund nicht publizierten Bemerkungen zu Lenin. Er habe derlei auch noch in den 1950er Jahren zu Horkheimer ge\u00e4u\u00dfert? Gut m\u00f6glich, indes: Da sich Adorno in den 1960er Jahren lobhudelnd \u00fcber Theodor Heuss ausgelassen hat, wird man auch dem kein allzu gro\u00dfes Gewicht zumessen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber wie dem auch sei, Anregenderes kommt aus den USA. Auf der Homepage von Chris Cutrone, einem in Chicago wirkenden Philosophen Jahrgang 1970, steht fett gedruckt und un\u00fcbersehbar \u201eThe Last Marxist\u201c und darunter \u2013 wie das Amen in der Kirche \u2013 etwas kleiner: \u201eChris Cutrone is the last marxist!\u201c Wer meint, es hier mit unheilbarem Gr\u00f6\u00dfenwahn zu tun zu haben, wird schnell eines Besseren belehrt: Cutrone, Gr\u00fcnder und Spiritus Rector einer sich weltweit organisierenden posttrotzkistischen, neoneomarxistischen Gruppe, bem\u00fcht ein heilsgeschichtliches Motiv.<\/p>\n<p>Geht es ihm doch darum, sich \u2013 wie Johannes der T\u00e4ufer, der sich als Vorl\u00e4ufer des Messias verstand \u2013 als letzter Vertreter des Alten und somit Wegbereiter des Neuen zu pr\u00e4sentieren: als letzter Marxist, der den \u00dcbergang ins gelobte Land eines von den Gebrechen der Vergangenheit geheilten \u201eMarxianismus\u201c anf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Cutrone ist geistiger Mentor der weltweit agierenden Gruppe \u201eSchnabeltier\u201c, auf Englisch \u201ePlatypus\u201c, die 2006 gegr\u00fcndet wurde und in ihrem \u201estatement of purpose\u201c erkl\u00e4rt: \u201eWe agree with the young Marx in \u2019the ruthless criticism of everything existing\u2018 [\u2026]. Our present does not deserve affirmation or even respect, for we recognize it only for what came to be when the left was destroyed and liquidated itself.\u201c<\/p>\n<p>\u201ePlatypus\u201c halten \u00fcbrigens eine genauestens austarierte Leseliste von Marx \u00fcber Luk\u00e1cs bis zu Trotzki vor, die curricular \u2013 die Textst\u00fccke sollen systematisch aufeinander aufbauen \u2013 organisiert sind.<\/p>\n<p>Aber was hat all das mit jenem eigent\u00fcmlichen, so gar nicht in die Evolution passenden, eierlegenden S\u00e4ugetier zu tun? Nun, Friedrich Engels sah so ein Tier im Londoner Zoo und kam zu dem Schluss, dass die Vernunft der Natur allen Darwin\u2019schen Glaubenss\u00e4tzen zum Trotz keineswegs mit den jeweiligen, historisch verfestigten Standards menschlicher Vernunft \u00fcbereinstimmen muss. Kritische Theorie als beharrlicher, gleichwohl hoffnungsvoller Irrl\u00e4ufer der kulturellen Evolution? | <strong>\u00a7<\/strong><\/p>\n<blockquote><p><strong>Micha Brumlik<\/strong> <em>ist Professor f\u00fcr Erziehungswissenschaft in Frankfurt am Main, Publizist und Autor der taz.<\/em><\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VOM LETZTEN VERTRETER DES ALTEN ALS WEGBEREITER DES NEUEN UND EINEM BEHARRLICHEN IRRL\u00c4UFER DER KULTURELLEN EVOLUTION Derzeit gibt es eine Reihe von Ans\u00e4tzen, die Tradition der Kritischen Theorie wieder politisch aufzunehmen. \u00dcber den \u201eNegativen Nachmittag\u201c und andere Versuche. Gott und die Welt Kolumne von Micha Brumlik (Originally published in taz.die tageszeitung [PDF], July 3, 2012.) 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